Artists > Simon Schubert > Simon Schubert Texts > Being. Having been. Becoming., 2007 (dt., engl.)

Being. Having been. Becoming.

by Franz Joseph van der Grinten

I
Morning – shadows from the right; evening – shadows from the left. At noon light and shadow may offset each other. What is existence? An instant. What is in it was hitherto not in it and is forthwith no more. Existence as a state is irreal, stirred from all that went before and all that is possible thereafter, and yet neither is in it; the former long dead, the latter perhaps not even germinating. Is there anything conceivable that could be more uncertain? Memories as delusional as expectations. Augustine put his finger on the spot: the past is not, the future is not, the present takes place at the border between the two. Thus the second is (should we think we are immortal) a synonym for eternity. Almost nothing, it is everything. It can expand, virtually. But then nothing is truly rational. Thinking, if it is to justify its name, is fantasizing: becoming aware through fantasizing of what you are, what has come down to you and want to go on having an effect. Naturally you go down no path a second time; even the one you think you know can be a path through hell or through nothingness. Both may be preserved in the universe that we believe we are in. Whatever totality lays claim to implies its opposite. If what happens to us is everything, then it is at the same time nothing. Everything that was is not, everything that will be is not. On the narrow edge to which we cling, nothingness is all.  

II
But then we do experience. How far is our own experience free of what has come down to us, as experience goes and per precept? Who am I beyond any so-called imprinting? Hypotheses: universally valid? And the much-cited thrownness? Life is being, having been, becoming. Experience is the inner acquisition of something by living it through. The great adventure? For everyone? If not, for whom then what? Illuminated, each of those concerned steps into the morning light; at sundown, in shadow, he might step back into the dark. I is another, Rimbaud said; perhaps he was conscious of the dimension of this statement. It holds true for every moment in life independent of the fact that I exist could turn those against me who sit in judgment. Whoever it may be who acts in me and out of me: I know I shall be his witness. Do I know it, should I know it? In ancient scripts there is talk of the sons of God who are to gather before Him. I am not named, but I know, even if I don’t believe, that I am one of them.

III
The objects, the rooms, they seem to persist more. We encounter them; when we depart, we leave them untouched and empty. To us they only seem animated if, bethinking them near or far, we ensoul them. Their felt warmth vanishes with those feeling the warmth. Are they traps, does their emptiness enclose us? What would they proffer if we never asked? Does what is created possess the spirit of him who created it? Can spirit be forced to remain bound to one place? Verily everything is echo, a reaction. We ourselves are what we encounter in the objects, sometimes, for a while, often enough not. Whoever looks, dreams up, visualizes, a picture. Look, look once again, precise and sharp: never is the picture reliable. Every picture is inside, also that of the so-called outside world. World is always that of whomsoever perceives it, from moment to moment, unassured. Nothing can be held onto permanently; all possession is uncertain. You go from room to room, graze the walls, step across thresholds and treads, touch this, release that. And during this while, things feel our weight, our pulse, our radiation. They remain what they are it seems; yet longer is their span, more distant their disappearance. But would they exist at all if there were not the consciousness within which they are? A mirror without there being something to mirror would not be one. But it mirrors everything, even were it nothingness.


from: Papierarbeiten/Paperworks – Simon Schubert, 2007, Meurer Verlag

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Sein. Gewesensein. Seinwerden.
Franz Joseph van der Grinten

I
Morgens Schatten von rechts, abends Schatten von links. Um Mittag kann es sein, dass Licht und Schatten sich aufheben. Was ist Dasein? Ein Augenblick. Was in ihm ist, war anhin nicht in ihm und ist es alsbald nicht mehr. Das Sein als ein Zustand ist irreal, gemischt aus den Vorgaben und den Möglichkeiten, und doch sind beide in ihm nicht da, die ersteren längst abgestorben, die letzteren vielleicht noch nicht einmal keimend. Ist etwas denkbar, das ungewisser wäre? Die Erinnerungen so gut Trug wie die Erwartungen. Augustinus hat es auf den Punkt gebracht: Die Vergangenheit ist nicht, die Zukunft ist nicht, die Gegenwart ereignet sich auf der Grenze zwischen beiden. Die Sekunde derart, wenn wir denn glauben, unsterblich zu sein, ein Synonym für Ewigkeit. Fast nichts, ist sie Alles. Sie kann sich dehnen, virtuell. Aber nichts ist ja wirklich rational. Denken, wenn es denn seinem Anspruch gerecht werden soll, ist Phantasieren: phantasierend sich dessen, was man ist, überkommen hat und weiter wirken lassen will, bewusst zu werden. Natürlich geht man keinen Weg ein zweites Mal; selbst der, den man glaubt zu kennen, kann ein Gang durch die Hölle sein oder durch das Nichts. Beides mag aufgehoben sein im All, in dem wir uns zu befinden glauben. Was Totalität für sich in Anspruch nimmt, impliziert ihr Gegenteil. Ist, was uns widerfährt, Alles, so ist es zugleich nichts. Alles, was war, ist nicht, alles, was sein wird, ist nicht. Auf dem schmalen Grat, auf dem wir uns ausgesetzt finden, ist das Nichts alles.

II
Ja, und man erlebt doch. Wie weit ist das eigene Erleben frei von dem, was uns vorgegeben ist, erlebnismäßig und per Vorgabe? Wer bin ich, jenseits von den sogenannten Prägungen? Denkmodelle: allgemein gültig? Und das vielberufene Geworfensein? Leben ist Sein, Gewesensein, Seinwerden. Erleben ist die innere Aneignung von etwas dadurch, dass man es lebt. Das große Abenteuer? Für Jeden? Wenn nicht, für wen dann was? Angestrahlt tritt jeder der Betroffenen ins Morgenlicht, abgeschattet mag er bei Sonnenuntergang ins Dunkel zurücktreten. Ich ist ein Anderer, hat Rimbaud gesagt, vielleicht war er sich der Dimension dieses Satzes bewusst. Für jeden Moment des Lebens trifft er zu, unabhängig davon, dass der Umstand, dass es mich gibt, diejenigen, die urteilen sollen, gegen mich einnehmen könnte. Wer es auch sein mag, der in mir und aus mir heraus wirkt: ich weiß, ich soll sein Zeuge sein. Weiß ich es, soll ich es? Es ist in den ganz alten Schriften von den Söhnen Gottes die Rede, die sich vor Ihm versammeln sollen. Ich bin nicht genannt, aber ich weiß, selbst wenn ich’s nicht glaube: ich bin einer von ihnen.

III
Die Gegenstände, die Räume, sie scheinen verharrender. Wir treffen sie an, wir lassen sie, wenn wir uns entfernen, unberührt und leer. Beseelt kommen sie uns nur vor, wenn wir sie, fern oder nahe gedenkend, mit Seele erfüllen. Ihre empfundene Wärme schwindet mit den diese Wärme Empfindenden. Sind sie Fallen, schließt ihre Leere uns ein? Was wäre ihr Angebot, wenn wir nicht nachfrügen? Birgt das Geschaffene den Geist dessen, der es geschaffen hat? Lässt denn Geist sich nötigen, an einen Ort gefesselt zu bleiben? Alles ist doch Echo, ein Reagieren. Wir selbst sind es, die uns in den Gegenständen begegnen, manchmal, eine Weile, oft genug in denselben nicht. Wer blickt, fasst ins Auge, macht sich ein Bild. Sieh hin, sieh wieder hin, sieh genau und scharf: nie ist das Bild verlässlich. Jedes Bild ist innen, auch das der sogenannten äußeren Welt. Welt ist allemal die dessen, der Ihrer gewahr wird, von Moment zu Moment, unversichert. Nichts lässt sich als Bleibendes festhalten, aller Besitz ist ungewiss. Man geht von Raum zu Raum, streift Wände, überschreitet Schwellen und Stufen, fasst dieses an, lässt jenes los. Eben diese Weile lang spüren die Dinge unser Gewicht, unseren Puls, unsere Strahlung. Sie bleiben, die sie sind, wie es scheint, doch nur länger ist ihre Phase, ferner ihr Schwinden. Aber wären sie denn überhaupt, wäre da nicht das Bewusstsein, in welchem sie sind? Ein Spiegel ohne das, was sich ihm zu spiegeln gäbe, wäre es nicht. Aber er spiegelt doch alles, und sei es das Nichts.  

Franz Joseph van der Grinten, Mala, Lanzarote, 28 Feb. 2007
aus: Papierarbeiten/Paperworks – Simon Schubert, 2007, Meurer Verlag

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