Group show: WIESENSTÜCK

Nov 17 to Jan 27

Nachdem wir im vergangenen November die jährliche Gruppenausstellung zum Jahresende dem Thema Wald gewidmet haben, bietet nun die aktuelle Ausstellung Wiesenstück einen umfangreichen und tiefgehenden Einblick in den Mikrokosmos der Wiese. Dabei stand nicht nur für den Titel das berühmte Aquarell „Das große Rasenstück“, das Albrecht Dürer im Jahre 1503 schuf, Pate, sondern es wirkt auch für die gesamte Ausstellung wie ein Ahnherr, der an Modernität und Radikalität trotz der vergangenen Jahrhunderte nichts eingebüßt hat. Es markiert einen Wendepunkt in der abendländischen Kunstgeschichte.  Nie zuvor hat ein bildender Künstler Natur, botanisch exakt und gleichzeitig zutiefst sinnlich, aus der Perspektive ihrer „Bewohner“ wiedergegeben und es zugleich (oder dadurch) zu einem Teil eines philosophischen Ganzen gemacht. Dürer selbst schreibt in seiner Proportionslehre dazu: „Das Leben in der Natur gibt zu erkennen die Wahrheit der Ding“ .

Eine direkte Reminiszenz an Dürer ist die jüngste Arbeit der New Yorker Zeichnerin Ruth Marten, deren Werk wir bereits in zwei Einzelausstellungen und zwei Publikationen vorstellen konnten. In schier unerschöpflicher surrealer Transformation wächst diese großformatige Aquarellzeichnung über den Kupferstich, der ihr zu Grunde liegt, heraus und bevölkert den Mikrokosmos Wiese mit ihren Bewohnern.

In Bewegung gerät die Pflanzenwelt in den Camera Obscura Fotografien des deutschen Schauspielers, Verlegers und Autors Hanns Zischler, dessen Wiesenlandschaften eine exakte Verortung schwer machen und sie in die Melancholie eines poetischen Niemandslandes transformieren.

Demgegenüber sind die botanischen Pflanzendetails der in Berlin ansässigen Brasilianerin Luzia Simons durch die von ihr entwickelte Technik des Scannogramms an Exaktheit und Farbgewalt kaum zu überbieten. Wir zeigen zum ersten Mal die aus acht Arbeiten bestehenden Serie Blacklist, eine Sammlung von sonderlichen Pflanzenschöpfungen, die einem Herbarium gleicht…

Wissenschaftlich exakt aber gleichzeitig von einer leicht verstörenden Abstraktion sind die Objekte von Animalier papier (Gundula Weber, Saarbrücken), die wir ebenfalls zum ersten Mal vorstellen. Auch hier ist die wissenschaftliche Genauigkeit der Maßstab. Die Insekten, zum Teil in Schaukästen und auf Sockeln, sind vollständig aus dem Material Papier, das Gundula Weber in allen verfügbaren Formen benutzt. 

Dass das Biotop Wiese auch Tod bedeuten kann, zeigt der Aluminiumguss „Dead Nature“ der Londonerin Rebecca Stevenson, die vor allem durch ihre barock aufwendigen Memento Mori Skulpturen aus Wachs bekannt geworden ist.

Verstörend sind die jüngsten Arbeiten der Kölner Malerin Cosima Hawemann, die bereits am Computer zum Teil stark bearbeitete Fotografien als Ausgangsmaterial benutzt, um dieses anschließend malerisch ins Dramatische, Albtraumhafte zu steigern. 

Der Düsseldorfer Christoph Knecht hat neben dem großformatigen, in China entstandenen Gemälde „Plants of Opportunities“ eine Reihe von 6 Malereizeichnungen geschaffen, die sich mit dem magischen Aspekt der Naturbeschäftigung widmen. 

Ebenfalls für die Ausstellung entstanden ist die Malerei des Berliners Matthias Röhrborn, die den Betrachter in eine dramatische Szenerie der Wiese als Landschaft entführt. 

Elegant und romantisch aufgeladen ist das Diptychon „Roslin I+II“ von Elger Esser, ein Dye-Transfer Print eines Wiesenstücks am Fluss, dessen technische Besonderheit die Farbintensität und die Kontraststärke fast überintensiv macht und eine extreme Präsenz erzeugt.  

Zuletzt lächelt ein durch sein weiß geschminktes Gesicht fast abwesender Jeff Koons unter einer Krone aus üppiger Blumenpracht dem Betrachter entgegen. Marcus Neufanger verleibte ein Koons-Portrait des Fotografen Martin Schoeller seiner Werkgruppe der „Portraits“ ein.